Vor einiger Zeit bekam ich ein paar Flaschen Riesling aus dem Rheingau geschenkt. So weit so unspektakulär. Aber was in diesen Flaschen drin ist…meine Herren!

Als erstes fallen die Etiketten auf. Die Schrift läuft nämlich nicht von links nach rechts sondern von oben nach unten, und schon sind wir mitten drin in der Geschichte. Der Besitzer des Weinguts (Winzer nennt er sich noch nicht) ist ein ehemaliger deutscher Manager – daher das Kleingeld, im Rheinau, in Lorch, ein acht-Hektar-Weingut zu kaufen – und Träger des sechsten Dans der fernöstlichen Schwertkunst Kendo. Das heißt so viel wie: ziemlich sehr gut. In Korea schreibt man von oben nach unten und weil ein Weingut heutzutage nicht mehr nur guten Wein machen muss sondern auch eine Story braucht, ist die von Wurm eben die des Weinmachenden Schwertkämpfers. Warum auch nicht? Ist mir auf jeden Fall lieber als die gefühlt zweitausensiebenhundertfünfunddreißigste Familienbetriebs-Tradition-ich-liebe-meinen-Boden-respektvoller-Umgang-gääähn-mit-der-Natur-Geschichte.

Aber es in dieser Geschichte etwas, was wichtig ist, um den Weinmacher Wurm zu verstehen. Denn Robert Wurm liebt zwar Wein und alles, was damit zu tun hat. Wie man ihn macht, lernt er aber noch. Ihm ist durchaus bewusst, dass man nicht dadurch zum Winzer wird, in dem man einen Kaufvertrag für ein Weingut unterschreibt. In seinem Fall das renommierte Weingut Ottes. Demut ist das Stichwort, und ohne Demut lernt man keine fernöstliche Kampfdisziplin so gut, wie Wurm. Deshalb spricht er von sich noch nicht als Winzer.

Nun hatte ich also seit dem vergangenen Sommer ein paar Wurm-Flaschen im Keller. Ab und an öffnete ich eine und war jedes Mal begeistert vom Inhalt. Die Basisweine waren leicht, unkompliziert, frisch und fruchtig, je höher es in der Qualität ging, umso mehr kamen Struktur und Finesse dazu. Die Wurmschen Weinberge befinden sich übrigens alle in Steillagen mit Schieferböden.
Deshalb steht auch auf einer der beiden letzten Flaschen in meinem Keller „Schiefer“. Ob das so eine tolle Idee ist, diesen von Moselwinzern gepachteten Begriff zu verwenden, lasse ich mal dahingestellt.
Als erstes schenke ich mir jetzt aber ein Gläschen vom „Lorcher Kapellenberg“ ein. In der Nase ist er sehr frisch und weißfruchtig, dazu etwas blumig. Am Gaumen leicht cremig mit Noten von Pfirsich. Die knapp sieben Gramm Zucker (denen 7,5 Gramm Säure entgegen stehen) machen ihn dermaßen süffig und trinkig, dass ich mich zusammenreißen muss, nicht gleich die ganze Flasche auszulecken.

Als nächstes dann der „Schiefer“. Schickes schwarzes Etikett, Korkverschluss. Soll zeigen, jetzt geht es ab. Gestern Abend war er mir etwas zu verschlossen. Nun hat er sich aber geöffnet und schmeichelt meiner Nase aufs Schönste. Eine zauberhafte Kombination von tropischen Früchten, Pfirsich und frischen, gelben Äpfeln – mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich nehme einen Schluck und werde nicht enttäuscht. Kühle Riesling-Eleganz gepaart mit enormer Spannung, einer zupackenden Säure und diversen Fruchtnoten.

Weiter so, Herr Wurm! Wirklich schade, dass jetzt alle Flaschen leer sind.

 

 

Written by web222

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