Ich bin verdorben, verloren und verwöhnt! Und das für alle Zeiten. Denn ich durfte einen Fuß in die Hallen des höchsten Fleischgenusses setzen und nun scheint es mir unmöglich, jemals wieder einen profanen Zwiebelrostbraten zu essen.
Am Grill stand der wohl beste Metzger und ebenso sensationelle Griller Deutschlands Jürgen David. Die Weine dazu hatte der Winzer und Blogger Dirk Würtz ausgesucht – fast ausnahmslos gereifte Rieslinge.

Weißwein und Grillfleisch? „Es heißt ja immer, man müsse Rotwein dazu trinken“, sagt Würtz. „Keine Ahnung, wer das erfunden hat. Beim Grillen entstehen Röstaromen, die sind bitter. Die Tannine im Rotwein sind es auch. Und bitter plus bitter ist scheiße. Mir glaubt das mit den Weißweinen am Anfang keiner, und am Ende sind alle begeistert.“ Sein Favorit sind gereifte Riesling-Auslesen. Die Süße ist bei älteren Jahrgängen nicht mehr so deutlich schmeckbar (warum das so ist, hat man bisher noch nicht rausgefunden), dazu die Reifenoten und die Säure des Rieslings, das harmoniert wunderbar mit dem Grillzeug. Sagt Würtz und erntet skeptische Blicke.
Aber bereits der erste Gang, ein Entrecôte aus den USA zur Riesling Spätlese aus dem Jahr 2007 vom Johannishof überzeugt. Dabei ist David kein großer Freund des US-Beef. Zu viel Stall, zu viel Mais. „Das ist keine natürliche Nahrung für ein Rind, das wird nicht wiedergekäut, das geht direkt als Durchfall hinten raus. Deshalb brauchen die Tiere Antibiotika. Außerdem ist der meiste Mais genmanipuliert“, sagt David.

 

steakabend1

Der Abend steigert sich. Wir trinken Spätlesen vom Toni Jost (2011) und Hans Lang (2002) zum Entrecôte vom australischen Black Angus und einen Pitterberg Riesling von Rumpf zum Entrecôte vom Aberdeen Angus aus Irland. Und dann haut David am Ende zwei Filets vom Kobe-Rind auf den Grill. Die Tiere gehören zur Rasse der Tajima-Rinder und kommen aus dem gleichnamigen japanischen Bezirk, jedes Jahr erreichen nur 3000 Tiere die geforderte Qualität. Das Fleisch gilt als sensationell und ist praktisch unbezahlbar. Im Laden würde ein Kilo 500 Euro kosten. David legt die Stücke auf die heiße Platte, es raucht und ein Duft steigt vom Grill auf, den ich nie mehr vergessen kann. Nach Fett, nach Würze, nach Fleisch – aber alles von einer Intensität und Vielschichtigkeit, wie ich sie noch nie erlebt habe. Obwohl es der sechste Gang ist und ich keinen Hunger mehr habe, kann ich es kaum erwarten, dass das Fleisch vor mir auf dem Teller liegt.

Ich nehme einen Schluck der Riesling Spätlese von Balthasar Ress (1995) und einen Bissen Kobe. Schweigen. Verblüfftes Schweigen. Zart, buttrig, fast ölig, rund, kernig, kräftig und mild zugleich. Unvergleichlich. So etwas habe ich noch nie gegessen. Dazu die Spätlese, ich könnte immer so weitermachen: ein Schluck, ein Bissen, ein Schluck, ein Bissen…wäre aber keine gute Idee. David warnt: „Mehr als 100 Gramm kann man eigentlich nicht essen. Durch den hohen Fettgehalt ist es fast so, als würde man reines Olivenöl trinken.“ Egal, ich nehme trotzdem dankbar die Stücke von Würtz an, als der nicht mehr kann.

Selten war ich nach einem Essen so zufrieden…ach was zufrieden: glücklich!

Das Problem ist nun dasselbe wie beim Wein, beim Olivenöl, beim Käse, beim Brot, beim Kaffee. Sobald ich weiß, wie der richtig gute Stoff schmeckt, kann ich unmöglich wieder das normale Zeug essen oder trinken.

Wo soll das nur hinführen?

 

steakabend2

Written by web222

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.