Ich bin fremdgegangen. Ich habe mich auf Pfaden abseits von Riesling, Cabernet & Co herumgetrieben. Aber was ich dort erlebt habe, war so sensationell gut, dass ich es einfach aufschreiben muss.

Es ist kurz nach Sonnenaufgang, vor meinem Fenster ziehen Nebelschwaden durch karge Nadelbäume. Auf 1500 Metern über dem Meer, am Rand der Alpen, sieht das Piemont anders aus als ich es gewohnt bin – es ist rauer hier, wilder, die Hügel sind mit Wald bewachsen. Ich liebe diese Region seit Jahren, bin fasziniert von Küche und Weinen.

Aber wie die meisten habe ich mich bislang auf die Orte und Gegenden konzentriert, die man eben so kennt: Die Langhe, Alba, Barolo, Barbaresco. Über Alta Piemonte, das Nordpiemont, weiß ich relativ wenig außer dass die wichtigste Rebsorte auch hier Nebbiolo ist. Aber mein Unwissen verfliegt schnell. Die Anbaugebiete Lessona, Bramaterra und Coste della Sesia, alle DOCs, sind klein und liegen eng beieinander. In ein bis zwei Tagen lassen sie sich bequem erkunden.

Ich bin verabredet mit Pietro Cassina, gelernter Architekt, nun aber Winzer im Hauptberuf. Das Nordpiemont war früher einmal eine wohlhabende Gegend. Zu verdanken war das der Textilindustrie, die sich hier ansiedelte. Hauptgrund war das viele Wasser, das von den Alpen in Richtung Mittelmeer fließt – zur Herstellung von Stoffen braucht man jede Menge davon.

Bis dahin hatten die Menschen weitgehend vom Weinbau gelebt. Andere Landwirtschaft ist hier kaum möglich. Die Böden sind so sauer, dass außer Reben kaum etwas wächst. Cassina macht eine ausladende Bewegung mit den Armen: „Alle Hügel, die Du hier siehst, waren früher mit Reben bewachsen.“

Aber es war ein hartes Leben. Wegen der kargen Böden sind die Erträge der Reben gering. Außerdem hagelt es oft. Die Gefahr, die Ernte zu verlieren, ist groß. Zudem hatten die Reblaus und mehrere verheerende Stürme in den Jahren 1907 und 1908 die Weinberge verwüstet. Dankbar gaben deshalb die Menschen den Weinbau auf und gingen in die großen Textilfabriken. Das war einfach, als sich weiter mit den Reb abzuplagen.

So wurden die Weinberge zu Wald und die Menschen verdienten gutes Geld durch den Wandel. „Vor 30 Jahren war hier kaum mehr ein Weinberg  bewirtschaftet“, sagt Cassina. Aber dann begann der Niedergang der Textilindustrie und mit ihr der der ganzen Region. Die Unternehmen merkten, dass sie anderswo viel billiger produzieren konnten. Eine Fabrik nach der anderen schloss und entließ die Menschen in die Arbeitslosigkeit. Die Folgen sieht man bis heute: verlassene Häuser, verwilderte Gärten, leer stehende Restaurants und Fabriken. Wohlhabende Gegenden sehen anders aus.

Ironie der Geschichte: immer mehr Menschen begannen, im anstrengenden und risikoreichen Weinbau wieder eine Alternative zu sehen. Wie Cassina. Als Architekt verdient er nicht mehr genug – die Menschen im Nordpiemont haben kein Geld und wer kein Geld hat, der baut keine Häuser.

Also hatte er zwei Möglichkeiten: Woanders hingehen und sich als Architekt anstellen lassen oder hierbleiben und etwas riskieren. Er entschied sich fürs zweite und begann auf vier Hektar in der DOC Lessona Nebbiolo anzubauen. „Das ganze Leben ist doch ein Risiko“, sagt er. „Wenn Du nichts riskierst, ist Dein Leben nichts wert.“ Cassina kratzte Geld zusammen und baute ein Weingut in die Landschaft, das ein wenig an ein gestrandetes U-Boot erinnert.

Noch ist es nicht fertig, in dem riesigen Keller ist noch Platz für sehr viel mehr Wein. Stück für Stück will er in den kommenden Jahren seine Weinberge vergrößern, denn er glaubt an das Potential dieser Gegend. „Die Langhe mit Barolo und Barbaresco ist 100 Kilometer entfernt“, sagt er. „Wir können hier ganz andere Weine machen, schlanker, eleganter, nicht so hoch im Alkohol.“ Genau das bestätigt sich bei einer großen Verkostung am Abend. Alle Weine aus der Gegend haben feine Fruchtnoten, eine elegante Säure und exzellent eingebundene Aromen vom Ausbau im Holzfass – und das bei höchstens 13,5% Alkohol.

Written by web222

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