Zugegeben: das ist ein etwas verwegener Titel für eine Geschichte, die von zwei fränkischen Winzern handelt…

Zwei Anekdoten vorneweg. Die erste spielt an einem Abendbrottisch, um den zwei Familien sitzen. Die eine Sippe ernährt sich ausschließlich von Dingen, die sie im Discounter kauft – nicht weil sie muss, sondern weil sie der Meinung ist, dass das reicht. Die andere geht auf Märkte, zum Dorfmetzger, backt Brot und hat ein paar Gemüsebeete im Garten.

Ort der Ruhe: der Keller vom Weingut am Stein mit Amphoren.

Auf dem Tisch liegt eine Wurst von eben diesem Dorfmetzger. Eine sehr gute, handgemachte Salami von freilaufenden Rindern. Die ist würzig, die schmeckt nach was. Das Discounterkind greift danach, probiert eine Scheibe und verzieht das Gesicht. „Iiih, die ist ja scharf!“, kräht es. Und greift zum Kochschinken seiner Eltern. Wobei: Das Schinken zu nennen eine Beleidigung für jeden richtigen Metzger ist. Der Löwenanteil dieses Produktes sind Separatorenfleisch und Stärke.

Was hat das jetzt mit Ludwig und Manfred zu tun?

Gleich, erst noch Anekdote zwei. Es unterhalten sich zwei Deutsche übers Essen. Sagt der eine: „Gestern war ich mit meiner Frau in einem Restaurant. Wir hatten zwei Vorspeisen, zwei Hauptspeisen, zwei Gläser Wein und alles hat nur 20 Euro gekostet. Das ist doch fair, oder?“ „Total fair“, erwidert der andere. Ich steh daneben und weiß nicht, was ich sagen sollt. Was ist an billigem Essen fair? Für wen? Warum geht man essen, wenn die größte Freude der kleine Preis ist? Den meisten Menschen scheint nicht klar zu sein, dass das, was sie essen, zu einem Teil ihrer selbst wird – ihre Kleidung zum Beispiel aber immer außerhalb von ihnen bleiben wird. Von Autos fange ich gar nicht erst an…

Wie wir leben und konsumieren, lässt die Biosphäre auseinander krachen und die Arten sterben. Wir machen das weitgehend ohne erkennbaren Widerwillen mit und die Nestlés und Unilevers dieser Welt lachen sich schlapp und machen ihre Vorstände und Aktionäre reich.

Das Zauberwort, um das ein bisschen besser zu machen, lautet Achtsamkeit. Bin ich dem gegenüber achtsam, was ich zu mir nehme, vergeht mir schnell der Appetit an billigem Mist. Das Problem dabei ist, dass industriell gefertigte Nahrung erst mal jedem schmeckt,

das ist eines ihrer Grundprinzipien. Und das trifft auch auf Wein zu. Die millionenfach abgefüllten Tropfen der Großkellereien tun niemandem weh. Aber sobald man sich mit ihnen beschäftigt, ihnen gegenüber achtsam ist, beginnen sie zu langweilen.

Und wenn man an diesem Punkt ist, dann kommen Ludwig und Manfred ins Spiel und zwar in dieser Reihenfolge. Wie gesagt, sie nutzen zum Weinmachen beide Amphoren, Ludwig außerdem Betoneier. Was das mit den Weinen genau macht, das habe ich neulich für die Süddeutsche Zeitung aufgeschrieben.

Zusammengefasst: Weil die Weine lange Zeit mit der Maische (und mit etwas Luft) in Kontakt sind, entwicklen sich andere Geschmacksnoten. Sie gehen weg von der Frucht und hin zur Würze. Außerdem haben sie deutlich mehr Tannin und dadurch mehr Struktur und Grip auf der Zunge. Diese Weine sind ein haptisches Erlebnis – geschmacklich sind sie für den Ottonormalweintrinker gewöhnungsbedürftig.

Licht und Wasser (läuft die Wand runter): zwei wichtige Elemente für Winzer Ludwig Knoll.

Zurück zu den Winzern: Ludwig heißt mit Nachnamen Knoll und betreibt zusammen mit seiner Frau das Weingut am Stein in Würzburg. Der Betrieb ist etabliert, Ludwig könnte sich zurücklehnen und den Erfolg genießen. Tut er aber nicht, er tüftelt. Weil er Weine machen will, die berühren, die inspirieren und nicht einfach nur gut reinlaufen. Dafür hat er einen Keller gebaut, in dem kosmische Energie gut fließen kann, in dem Betoneier stehen und Amphoren vergraben sind. Das klingt ein bisschen nach Hokuspokus und wer mit Wissenschaftlern darüber spricht, der bekommt Zweifelndes zu hören. So ist das mit manchen Dingen aus der Biodynamie, der Lehre Rudolf Steiners, nach der auch Ludwig arbeitet. Mir egal, denn die Sachen funktionieren offenbar.

Ludwig füllt keine reinen Amphorenweine ab. Er nutzt sie, um seine Topweine quasi zu würzen und sie um eine Dimension reicher zu machen. „Weine aus Amphoren sind nicht besser oder schlechter als andere“, sagt er. „Ich kann dem Wein durch sie vielleicht noch ein bisschen was anderes mitgeben.“ Dadurch sind seine Weine deutlich anders, aber noch nicht so krass wie die von Manfred.

Manfred, der in Nordheim am Main zuhause ist und dort das Weingut Rothe betreibt, hat dazu auch etwas Schönes gesagt: „Im Edelstahl ist die Normalität zuhause“, sagt er. In seinem Keller stehen zwar auch ein paar Stahltanks, Manfreds Herz aber schlägt für die alten Holzfässer und seine zwei eingegrabenen Amphoren, Quevris. In ihnen entstehen „Weine, die Zeit benötigen, für Menschen, die sich die Zeit nehmen.“

Der Keller im Weingut Rothe: Wo ist sie denn, die Amphore?

Die Weine von Ludwig und Manfred trinkt man nicht einfach so. Diese Weine fordern Aufmerksamkeit, ja Konzentration. Um sie genießen zu können, braucht es Erfahrung, Wertschätzung, Zeit, Ruhe, Achtsamkeit – und etwas Geld. Geschmack muss man lernen, und das fängt im Kindesalter an. Belohnt wird man mit einem Produkt, das in echter Handarbeit entstanden ist, das aus einem gesunden Weinberg stammt – und deutlich mehr auslöst, als nur einen Rausch.

Wem egal ist, was er in sich hineinstopft oder -schüttet, solange es nur billig ist, wem die Achtung vor dem Lebens-Mittel fehlt, der unterstützt Betriebe und Konzerne, die der Welt nicht gut tun. Wer sich hingegen Handwerkern zuwendet, die denken wie Ludwig und Manfred, die unternehmen einen kleinen Schritt in die richtige Richtung. Zugegeben: die Welt retten wir dadurch auch nicht. Aber ein kleines bisschen besser machen wir sie schon…

Written by web222

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