Vier Rieslinge vom Weingut Kaufmann aus dem Rheingau entkorke und entschraube ich heute. Und wieder mal treten zwei Gläser gegeneinander an: das Gabriel Glas und das Modell „Straight“ aus der Vision-Reihe von Zieher, entworfen vom legendären Dresdner Sommelier Silvio Nitzsche.

Das Weingut Kaufmann gehört übrigens zwei sehr sympathischen Quereinsteigern, ihre Geschichte erzählen sie hier.

Mir geht es heute aber nur um die Weine. Los geht’s mit dem „rheingau riesling“ 2015…
Gabriel Glas: Würde ich einem Menschen, der noch nie Riesling aus dem Rheingau getrunken hat, ebendiesen nahebringen wollen, dann hielte ich ihm dieses Glas unter die Nase. Klaräpfel, Gebirgswiese im Frühling, plätschernder Bach, ein paar Schafe weiden dekorativ im Hintergrund – Kopfkino…und nebenbei läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Das fließt auch kräftig nach dem ersten Schluck, der Riesling und seine Säure eben. Aber der Wein hat schon drei Jahre auf dem Buckel, sie ist sanft, seidig, gut integriert. Sehr klarer Wein, sehr präzise gemacht. Säurebetontes, gaaanz leicht cremiges Mundgefühl, im Geschmack dominiert Klarapfel, dazu Zitrusnoten.

Nun das Straight, laut Beschreibung geeignet „für rebsortenrein definierte, sowie fruchtige und aromatisch präsente Rot- und Weißweine“ : In der Nase ist der Wein nun deutlich zurückhaltender, oder besser gesagt tiefgründiger. Er scheint nicht mehr direkt alles verraten zu wollen, pirscht sich an, wirkt dabei etwas opulenter, breiter als aus dem Gabriel Glas. Ich nehme einen Schluck und meine, einen anderen Wein zu trinken. Krass…die Säure ist besser weggepackt, der Wein ist deutlich mineralischer (worunter ich folgendes verstehe: eine gewisse Salzigkeit am Gaumen und der mehr oder weniger gut zu greifende Eindruck von nassem Stein), er hat eine feine Würze, die mich an frischen Majoran erinnert, der Klarapfel ist auch wieder da, ergänzt aber von einer deutlichen Steinobstnote.

Links das Gabriel Glas, recht das Straight. Im Hintergrund die Weine und etwas Schnee – auf dem Küchentisch sahen die Fotos irgendwie blöd aus…

Interessanter Anfang. Ich mache weiter mit dem „rheingau riesling hattenheim“, 2015…
Gabriel Glas: Die Nase ist üppiger als bei vorherigen Wein. Es ist deutlich zu riechen, dass er schon eine gewisse Zeit in der Flasche hinter sich hat. Zu den unvermeidlichen Äpfeln, nun aber eher gelbe, reife Früchte, kommen tropische Noten und Anklänge von Grapefruit. Dieser Eindruck setzt sich eins zu eins am Gaumen fort. Blitzsauberer, klarer, eindeutiger Wein, zeigt mehr Muskeln als der einfache „rheingau riesling“, ist aber trotzdem kein Kraftpaket. Gefällt mir sehr gut.

Und jetzt wieder das Glas von Silvio Nitzsche: Der Duft des Weins hat sich hier völlig ins Glas zurückgezogen. Ich schwenke, schwenke und schnüffle…zu riechen ist fast nichts. Bisschen Frucht, gelbe Äpfel, was Tropisches und das war’s. Hmm…ich probiere den ersten Schluck und wieder fühlt es sich an, als hätte ich einen anderen Wein im Glas. Glasklar, präzise wie ein Schwert fährt er über die Zungenmitte, seidige Säure schmeichelt dem Gaumen, die Frucht ist sehr zurückhaltend. Was bleibt ist ein Eindruck von klarem, kaltem Gebirgswasser mit einem Spritzer Zitronen- und Pfirsichsaft. Wirkt frischer und jünger als im Gabriel Glas.

Nun zum „tell“, 2015, dem einzigen Wein aus der Reihe mit Korkverschluss, auch einem Riesling.
Ab ins Gabriel Glas damit: Der Schweizer Freiheitskämpfer ist in der Nase zunächst recht verschlossen. Nach ein paar Minuten fühle ich mich dann an einen Waldspaziergang im Frühling erinnert. Überall sprießt frisches Grün, es plätschert ein Bach, die Sonne scheint durchs Laubdach…trotzdem, ich tue mich schwer mit diesem Wein, stelle ihn erstmal beiseite und gieße ihn ins Straight…
Hier ist der Duft viel klarer definiert, der Wein wirkt etwas offener, Noten von schwer zu greifenden, gelben Früchten steigen aus dem Glas, dazu wieder frische, grünliche Elemente. Wieder habe ich das Gefühl von Frühling.

Nach etwas 20 Minuten wende ich mich wieder dem Gabriel Glas zu. Der Wein hat nun etwas Temperatur und Luft bekommen, mal schauen. Gebracht hat es nicht viel. Er bleibt verschlossen, geht nun etwas mehr ins gelbfruchtige, das war’s. Ich nehme einen Schluck…der gefällt! Säurebetont, leicht cremig, mundfüllend, gelbe und grüne Früchte, frisch angebrochener Zweig, das steht auf meinem Zettel. Heute Abend probiere ich einen Räucherfisch dazu, das wird passen.
Aus dem Straight schmeckt er deutlich frischer und spritziger, die Cremigkeit macht einer belebenden Frische Platz. Die drei Jahre, die der „tell“ schon alt ist, sind aus diesem Glas in keiner Weise zu schmecken.
Ein sehr guter Wein, der für mich allerdings etwas hinter dem „hattenheim“ zurückbleibt.

Ich schraube den letzten Wein auf, einen feinherben Kabinett. Im Gabriel Glas gefällt er mir von Anfang an: Vollreife, rote Äpfel, gelbe Pfirsiche, etwas Ananas…ein bunt gemischter Fruchtkorb schmeichelt meiner Nase. Schnell den ersten Schluck – sehr gut. Im Moment direkt nach dem Öffnen stehen Süße und Säure etwas nebeneinander, aber dieser Eindruck verfliegt bald. Übrig bleibt ein sehr trinkiger Riesling, der auch den Leuten schmecken wird, die nicht so auf Restsüße stehen. Mit etwas Luft verwebt die sich nämlich wunderbar mit der Säure und den Aromen.
Aus dem Straight riecht der Wein deutlich zurückhaltender, das bin ich inzwischen gewohnt. Außerdem riecht er auch wieder weniger nach der reinen Frucht, er hat mehr Struktur und Würze. Besser? Anders! Besonders auffällig ist der Unterschied wieder am Gaumen. Die Süße ist aus diesem Glas deutlich zurückhaltender, der Obstkorb nicht so überbordend. Dafür hat der Wein deutlich mehr Grip, bleibt mehr in der Zungenmitte. Glasklar und messerscharf mit dem Geschmack von Klaräpfeln und weißem Weinbergspfirsich.

Resümee? Geile Weine.

Noch ein Wort zu den Gläsern. Keines der beiden ist besser. Aber für mein Empfinden sind die Weine aus dem Straight zurückhaltender, dafür präziser. Aus dem Gabriel Glas empfinde ich sie als gefälliger, weicher und runder.

Written by web222

2 Comments

Eva Raps

Unser Tell war offensichtlich nicht ganz in Höchstform, denn eigentlich kann der Hattenheimer ihm nicht Paroli bieten….. Aber insgesamt schön und treffend beschrieben. Danke!

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web222

Ich war nach Euren Weinbeschreibungen selber etwas überrascht, da ich es anders erwartet hätte. Aber auch nach mehreren Stunden Belüftung blieb der Hattenheimer in Führung…

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