Vor mir auf dem Tisch stehen drei geöffnete Weinflaschen und mir gehen zwei Dinge durch den Kopf:

Erstens: Zeit für einen guten Wein,
Zweitens: die alten Damen, denen ich am frühen Morgen im Park begegne, wenn ich dort meine kleine Tochter vor den Bauch geschnallt spazieren trage.

Die alten Damen sind, wie gesagt, nicht mehr jung. Sie alle haben Runzeln und Falten, bewegen sich langsam und vorsichtig, manche sind gebeugt von den Jahren, die sie erlebt haben. Andere sind über 80 und stehen aufrecht wie die Kathedrale von Florenz. Manche sind dauergriesgrämig und blicken mich an, als würde ich mein Kind nicht spazieren tragen sondern würgen und schütteln. Gerne granteln sie leise vor sich hin. Andere lächeln mich an, bleiben stehen und beginnen ein längeres Gespräch, meist mit den Worten »Jo mei is dia liab…«

Sie alle, die Griesgrämigen und die Kathedralen, waren einmal so jung wie mein kleines Mädchen jetzt. Aus der einen wurde ein Mensch, mit dem man gerne Zeit verbringt, der anderen ein unangenehmer Zeitgenosse, den man meidet. Warum? Was war der einen vergönnt und der anderen verwehrt? Und warum erzähle ich das hier?

Die Weine vor mir auf dem Tisch sind keine ganz jungen mehr. Drei Mal Chianti Classico aus den Jahren 96, 97 und 99. Für Wein aus Sangiovese-Trauben eigentlich kein Problem. Genug Alkohol, Gerbstoffe und Säure für die Lagerfähigkeit bringt er mit. Ich weiß auch, in welchem Keller die Flaschen die vergangenen Jahre lagen. Dort hatten sie Ruhe, Dunkelheit und konstante Temperatur. Alles perfekte Bedingungen, um in Ruhe zu reifen. Im Glas machen alle drei noch was her, duften nach Kirsche, Veilchen und ein wenig Holz. Sie machen den Eindruck, als seien sie gut gealtert, als sprächen sie mich gleich an mit einem »Jo mei…«. Aber kaum nehme ich den ersten Schluck, stellen sie sich als typische Altersgrantler heraus. Dumpf und griesgrämig schmecken sie, unangenehm sticht die Säure heraus.
Sie hatten alle Möglichkeiten, auf schöne Weise alt zu werden. Warum sie es nicht geworden sind, weiß ich nicht.

Solche Weine machen schlechte Laune wie die Begegnung mit einem griesgrämigen Grantler. Habe ich so einen getroffen, gehe ich gerne zu meinem Lieblingsbäcker. Denn ebenso wie das Brot stets gut ist, so zuverlässig lächelt die junge Frau an der Kasse, wenn sie mein Geld entgegennimmt. Tut einfach gut.

So lasse ich die drei grantigen Chianti auf dem Tisch im Wohnzimmer stehen und gehe in die Küche. Dort hole ich den Riesling Sekt brut vom Weingut Forster von der Nahe aus dem Jahr 2013, der eigentlich für einen ganz anderen Anlass gedacht war, aus dem Kühlschrank, schenke mir ein Gläschen ein und schalte das Radio an, aus dem dezent irgendwas von Mozart erklingt. Während das Glas langsam von außen beschlägt, betritt leise Mylady die Küche, sieht die Flasche auf dem Tisch und sagt fröhlich:« Oh wie schön, Du hast einen Riesling Sekt aufgemacht.«

Forster

Das ist das Weingut: Forster

Das ist der Wein: Riesling Sekt – brut – 2013

Gekauft habe ich den Wein nicht, ich bekam in diesem Laden eine Flasche geschenkt.

Written by web222

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