Ich habe ein Problem, um das mich sicher der eine oder andere beneidet. Dauernd lädt mich irgendwer zum Essen und Trinken ein. Hier zeigen Winzer ihren neuen Jahrgang, dort stellt ein Konsortium seine Region vor, zwei Tage später findet die Raw Wine in Berlin statt, dann lädt ein berühmter Küchenhersteller zum Dinner…so geht es weiter. Nähme ich alle Einladungen an, ich wäre bald dick und rund und käme überhaupt nicht mehr zum Schreiben.

Natürlich hat es immer ein G’schmäckle, wenn jemand dich zum Essen einlädt weil er möchte, dass Du nachher lobend darüber schreibst. Direkt ausgesprochen und Bedingung für eine Einladung ist das allerdings selten – und dann nehme ich nicht an. Ob ich schreibe, und wenn ja was, ist und bleibt meine Sache. Viele dieser Abende sind ohnehin mehr Kollegentreffen oder Fortbildung als ein gelungener PR-Coup des Veranstalters. Solange ich mich nicht in meinem Denken und Schreiben beeinflussen lasse, erkenne ich in solchen Einladungen nichts Verwerfliches. Zumal sie mich immer wieder auf Themen bringen, auf Winzer oder Restaurants stoßen, die ich ohne sie nie entdeckt, die nie in meinem Reiseplan vorgekommen wären, wenn ich alles selbst organisiert hätte.

Neulich war ich wieder auf so einem Abend. Und ich schreibe deshalb darüber, weil es eine Schande wäre, das Lokal, in dem wir uns alle trafen, nicht weiter zu empfehlen. Anlass war eine Aktion der italienischen Handelskammer. „Über zweihundert italienische Restaurants in zwölf Länder, präsentieren (…) typische süditalienische Gerichte und die dazu korrespondierenden Weine. Alle teilnehmenden Ristoranti wurden unter den zweitausend italienischen Lokalen im Ausland ausgewählt, die mit der Marke „Ospitalità Italiana“ zertifiziert sind.“ Italian Food XP nannte sich das.

Die sardische Trattoria Da Paolo, in die ich kommen soll, liegt in einer ruhigen Nebenstraße irgendwo im Münchner Stadtteil Sendling. Zufällig kommt dort kaum jemand vorbei, ein erster Hinweis auf Qualität. Denn von Laufkundschaft kann hier keiner leben. Beim Betreten ist mein erster Gedanke: „Innenarchitekt war hier noch nie einer drin…“ Die Einrichtung ist liebevoll von den Inhabern Paolo und Petra Congiu zusammengepuzzelt. Nichts passt zueinander, Kitsch ist Trumpf. Sofort fühle ich mich wohl.

Der erste Gang des Abends sind Gambas in Vernacciasauce und Bottarga di Muggine. Dazu gibt es einen Vermentino di Sardegna. Bottarga wird auch „sardischer Kaviar“ genannt. Es ist der Rogen, also die Eier, der Großkopfmeeräsche. Er ergänzt wunderbar die Gambas, verleiht dem Gericht zusätzliche Tiefe und Komplexität.

Danach wird es sehr klassisch. Im Prinzip gibt es Nudeln mit Tomatensauce – aber extragut. Malloreddus mit Salsiccia in Tomatensauce und Pecorino, so steht es auf der Karte. Malloreddus sind Hartweizennudeln, die in alten Zeiten mit der Hand geformt wurden und den berühmten Orecchiette aus Apulien ähnlich sehen. Salsiccia in der Soße ist typisch Sardinien und eine wunderbare Ergänzung der fruchtigen Tomaten. Dazu gibt es einen Monica di Sardegna. Diese autochthone Rebsorte der Insel wird leider allzu oft für junge und ausdrucksschwache Weine hergenommen. Dabei kann sie durchaus ansprechende Weine ergeben, wenn der Winzer bereit ist, die üblichen 15 Tonnen Trauben pro Hektar zu reduzieren.

Auch im nächsten Gang kommt eine typisch sardische Zutat vor, nämlich Myrte. Beeren, Blätter und Blüten des Strauchs werden zum Würzen verwendet. Der Sarde umwickelt gerne Spanferkel, Zicklein oder Lamm zum Grillen mit den Blättern. Bei uns gibt es Lammkotelett vom Grill mit frischer Myrte und Kartoffeln. Die Myrte erinnert ein bisschen an Weihrauch und Eukalyptus, gibt dem Lamm eine spannende weitere geschmackliche Dimension. Dazu trinken wir einen Cannonau – die sardische Variante des Grenache.

Wie so oft sind Weine und Speisen aus der gleichen Region eine Kombination, die nur selten schief geht. Beide Rotweine passen hervorragend zum Essen. Leider – und das ist aber auch der einzige Kritikpunkt an der Trattoria Da Paolo – sind sie viel zu warm und verleiden mir dadurch etwas den Genuss. Das passiert in viel zu vielen Mittelklasserestaurants und ärgert mich jedes Mal aufs Neue. Wer also mit dem Gedanken spielt, dort einmal essen zu gehen, der sollte darum bitten, den Rotwein vor dem Servieren einkühlen zu lassen.

Aber bevor ich mich in Rage über mangelnde Sommelier-Kenntnisse rede, komme ich zum Nachtisch. Auf Sardinien gibt es eine süße Schweinerei, die aus Eiweiß, Honig, Mandeln und gerösteten Haselnüssen oder Erdnüssen gemacht wird – Torrone di Tonaro. Daraus hat der Koch der Trattoria ein köstliches Semifreddo fabriziert. Ein süßer Moscato di Cagliari begleitet das Dessert vorzüglich.

Warum ich eigentlich über diesen Abend schreibe, wo es auf diesem Blog doch eigentlich um was ganz anderes geht, wurde ich gestern gefragt. Ganz einfach: Meine Weltreise bleibt das Hauptziel dieses Blogs. Aber auf dieser Reise begegnen mir immer wieder Sachen, die so spannend und interessant sind (wie hier), die ich Euch, meinen Lesern einfach nicht verschweigen möchte…

 

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Written by web222

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